Der deutsche Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen, 63 ("Das Boot"), über Größenwahn im Kino und sein neues Antiken-Epos "Troja"
Warner Bros.
SPIEGEL: Herr Petersen, sind Sie beleidigt, wenn man Ihren neuen Film "Troja" als Spektakel bezeichnet?
Petersen: Nein, das nehme ich eher als Kompliment. Schließlich war der Trojanische Krieg die Mutter aller Schlachten. Es ging dabei recht ruppig zu, und das zeigen wir auch. Aber ausgelöst wurde dieser Krieg durch die Liebe ...
SPIEGEL: ... zwischen dem trojanischen Königssohn Paris und der schönen Spartanerin Helena, die für Paris ihren griechischen Gatten sitzen ließ.
Petersen: Deshalb ist "Troja" eben auch ein hoch emotionaler Film - bei Testvorführungen hat er trotz des ganzen Hauens und Stechens Frauen besser gefallen als Männern. Aber sogar einige Studiobosse haben geweint, als sie den Film zum ersten Mal gesehen haben.
SPIEGEL: Seit "Gladiator" an der Kinokasse und bei den Oscars triumphierte, ist die Antike in Hollywood wieder beliebt. Oliver Stone hat sich gerade Alexander dem Großen gewidmet, andere Sandalen-Epen sind in Arbeit. Woher kommt die neue Begeisterung für dieses Genre?
DDP
"Troja"-Star Pitt, Filmemacher Petersen: "Wie bei Batman gegen Superman"
Petersen: Ich glaube, viele Menschen sehnen sich wieder nach starken Heldenfiguren. Unser Alltag in den so genannten westlichen Ländern ist relativ langweilig, es passiert nicht viel, die Welt ist grau, unübersichtlich und kompromissbereit. Das weckt sicher bei vielen Zuschauern die Sehnsucht nach Werten wie Ehre und Tapferkeit - und nach außergewöhnlichen Kämpfern, die bereit sind, für ihre Überzeugungen zu sterben.
SPIEGEL: Um selbst ernannten Gotteskriegern zu begegnen, muss man heutzutage nicht ins Kino gehen.
Petersen: Tatsächlich erzählt die "Ilias", obwohl Homer sie vor fast 3000 Jahren gedichtet hat, auch viel über die Gegenwart. Agamemnon zum Beispiel, der Heerführer der Griechen, ist für mich ein ganz moderner Typ. Ich will jetzt keine Namen nennen, aber Politiker, die Weltreiche gründen wollen und alles platt walzen, was sich ihnen in den Weg stellt, existieren auch heute noch.
SPIEGEL: Heutige Politiker berufen sich gern auf eine moralische Mission - wie die Heerführer im Trojanischen Krieg?
Petersen: Nein, im "Troja"-Film wie in der "Ilias" gibt es - anders als in vielen anderen Filmen oder im Bewusstsein von George W. Bush - kein Gut und Böse. Das ist ja die Tragödie: Es wird Krieg geführt, aber es kämpfen auf beiden Seiten nette Leute. Das gipfelt im Kampf zwischen Hektor und Achilles. Man mag beide und respektiert beide. Wer mit der griechischen Sagenwelt nicht so vertraut ist: Es ist so ähnlich wie bei Batman gegen Superman.
SPIEGEL: Besonders den von Brad Pitt gespielten Achilles zeigen Sie als eine Art antiken Popstar. Mit dieser Interpretation hat sich offenbar Hollywood gegen Homer durchgesetzt.
Petersen: Achilles war ein eitler Halbgott, der die Kunst des Tötens verkörperte. Aber, das steht schon bei Homer, er war eben auch ein gebrochener Held, geplagt von der Sehnsucht, in die Geschichte einzugehen. Insofern ist er ein sehr moderner Charakter. Achilles hat es geschafft, dass die Menschen mehr als 3000 Jahre nach seinem Tod noch immer über ihn reden und Filme drehen - wenn es ihn denn je gegeben hat (lacht).
SPIEGEL: Die Götterwelt, bei Homer ziemlich intrigante Gestalten, kommt in Ihrem Film nicht vor. Warum nicht?
AP / Warner Bros.
Szene aus "Troja": "Hauen und Stechen in der Mutter aller Schlachten"
Petersen: Wer hätte denn die Götter spielen sollen? Woody Allen? Oder Dennis Hopper? Der Drehbuchautor David Benioff war sehr klug, als er auf das Götter-Personal verzichtete. Wir wollten eine realistische Geschichte erzählen. Götter, die ins Geschehen eingreifen, hätten da nur unfreiwillig komisch gewirkt.
SPIEGEL: "Troja" hat knapp 200 Millionen Dollar gekostet. Wie viel kreative Freiheit bleibt Ihnen, wenn solche Summen auf dem Spiel stehen?
Petersen: Ich kann mich nicht beklagen. Während der Drehzeit habe ich zwei Anrufe vom Studio bekommen. Einmal ging es um den Akzent eines Schauspielers, beim anderen Mal um eine Action-Szene, die allen Beteiligten zu krass erschien.
SPIEGEL: Und wenn, wie bei "Troja", ein Sturm die Kulissen zerfetzt oder der Hauptdarsteller sich das Bein verknackst, melden sich die Studiobosse nicht?
Petersen: Natürlich werden sie hellwach, wenn die Kosten in die Höhe schießen. Aber zum Glück wenden die sich dann eher an die Produktionsleiter. Deren Job ist es dann zum Beispiel, schnell die Dreharbeiten von Marokko nach Mexiko zu verlegen, wenn es die Situation erfordert.
SPIEGEL: Über den Erfolg von zwei Jahren Arbeit entscheidet heute oft die Laune von Teenagern, die am Startwochenende ins Kino gehen - oder eben auch nicht. Muss man als Regisseur dieses Glücksspiel mitmachen?
Petersen: Es ist kein Glücksspiel. Ich bin selbstbewusst genug zu glauben, dass der Erfolg natürlich immer vom Film selbst abhängt. Das Publikum hat einen Riecher dafür, ob sich der Kinobesuch lohnt.
SPIEGEL: Im Zweifel helfen die Studios lieber kräftig nach - immer teurere Filme, immer höhere Werbebudgets. Gibt es irgendwo eine Grenze?
Petersen: Ich habe schon vor Jahren gedacht, es könne nicht mehr schlimmer werden. Aber es wird sogar immer schneller immer schlimmer. Ein Hollywood-Film kostet heute im Durchschnitt 100 Millionen Dollar. Das ist Wahnsinn! Ich sehe es ja an meinen eigenen US-Filmen: "Tod im Spiegel" habe ich 1991 für nur 22 Millionen Dollar gedreht. "In the Line of Fire" hat schon 35 Millionen gekostet, "Outbreak" dann 60, "Air Force One" 90, "Der Sturm" vor vier Jahren 138 Millionen Dollar. Für "Troja" hat selbst das nicht gereicht.
SPIEGEL: Die Kunst besteht vermutlich darin, trotz solcher Summen nicht größenwahnsinnig zu werden.
Petersen: Die Verantwortung sitzt hier (fasst sich an die Gurgel), das können Sie mir glauben. Andererseits gibt mir so ein Budget die Möglichkeit, einmal voll zuzuschlagen und alles aufzubieten, was heute möglich ist - tolle Schauspieler, Tausende Komparsen, aufwendige Bauten und die besten Computertricks.
SPIEGEL: Beherrschen Sie selbst diese Tricktechnik?
Petersen: Ehrlich gesagt, verstehe ich nicht allzu viel davon. Unser Supervisor für visuelle Effekte muss mir noch mal Nachhilfeunterricht geben, damit ich in Interviews wenigstens so tun kann, als ob. Tatsächlich erkläre ich nur den Fachleuten, wie ich mir eine Szene vorstelle. Hinterher meckere ich dann so lange herum, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin.
SPIEGEL: Das muss dann so grell und pompös sein wie möglich?
Petersen: Nein, das Spektakel ist zum Glück nicht alles. Meine Lieblingsszene ist die einfachste im ganzen Film: als der von Peter O'Toole gespielte König Priamos zu Achilles ins Zelt kommt und um die Leiche seines Sohnes bittet. Das Zelt hatten wir im Ballsaal eines großen Hotels im mexikanischen Cabo San Lucas aufgebaut. Trotz des ganzen Trubels und der Hitze draußen herrschte im Saal zwei Tage lang volle Konzentration. Es war totenstill.